Reden über Rhetorik: Zu einer Stilistik des Lesens
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Eine Rhetorik des Verstehens
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(REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Reden über Rhetorik: Zu einer Stilistik des Lesens (Taschenbuch) Ein Buch zu rezensieren geht, zumindest teilweise, mit der Anmassung einher, seinen 'Inhalt' zu bewerten. Man wendet moralische Kategorien wie etwa 'gut' und 'schlecht' auf ein sprachliches Werk an. Gelegentlich tut man dies nicht nur mit veröffentlichten Werken, sondern die Moral ist zutiefst in der sprachlichen Kommunikation verankert. Man spricht nicht unzensuriert miteinander. Kommunikation ist, so könnte man platt formulieren, die Summe zahlreicher Tabus - das beginnt schon mit dem Versuch, grammatikalische und orthographische Fehler zu vermeiden, erstreckt sich auf die Wahl des angemessenen Ausdrucks bis hin zum Einsatz der Sprache zur Verdunkelung des 'eigentlich' Gemeinten. 'Rhetorik', insofern als damit die 'Organisation' bzw. 'Planung' einer sprachlichen Äusserung gemeint ist, schliesst die Vorstellung einer wie auch immer gearteten 'authentischen' Kommunikation aus. Wo aber Kategorien wie 'authentisch', 'unauthentisch', 'wahr' und 'falsch' nicht mehr greifen, entzieht sich der jeweilige Gegenstand -ein Buch und darüber hinaus die Sprache- der Bewertung durch die Moral.

Die schärfste und also mit höchster rhetorischer Präzision ausgefeilte Formulierung dieses Gedankens findet sich bei Friedrich Nietzsche, dessen sprachphilosophische und leserpsychologische Thesen den methodischen Kern von 'Reden über Rhetorik' bilden. In der Tradition seines Denkens steht die Methode der Dekonstruktion nach Paul de Man und Jacques Derrida, die der von Wolfram Groddeck vorgelegten systematischen und historischen Aufbereitung der Rhetorik offenbar ebenfalls Pate stand. Dieser methodengeschichtliche Hintergrund lässt sich am spannungsreichen Verhältnis zwischen 'Reden' und 'Lesen', das im Buchtitel anklingt und das ganze Werk durchzieht, ablesen. Ist mit 'Reden über Rhetorik' 'das Reden' oder 'die Reden' über Rhetorik gemeint? Beansprucht das Buch einen allgemeingültigen Diskurs über seinen Gegenstand oder ist es vielmehr die perspektivische Brechung des Diskurses, die im Vordergrund steht und die letztendlich aus dem Blick des -die Reden lesenden- Autors resultiert? Die dekonstruktivistische Methode versteht Rezeption und Lektüre nicht etwa als Resultat eines von vornherein existierenden und also vom Leserblick unabhängigen 'Redens', sondern die Lektüre ist selbst Voraussetzung für die Entstehung des Diskurses und damit für die rhetorische Konstruktion von Wirklichkeit.'Reden über Rhetorik' ist also ein Titel, in dem sich durch Auslassung des Artikels -über die rhetorische Figur der Ellipse- die Allgemeinheit 'des Redens' und die Vielfalt 'der Reden' über Rhetorik vereinen. Die Wahrnehmung dieser rhetorischen Figur resultiert allerdings aus einer im Leserblick selbst eingeschriebenen Stilistik, die erst der Geburtsort aller Rhetorik ist:

"Zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen bewusst und unbewusst, liegt also der Ursprung der Redekunst als der Moment, wo die Natur der Sprache die Augen aufschlägt" (Reden über Rhetorik, S. 14).

Wolfram Groddecks Buch ist allerdings in keiner Weise eine missionierend-dekonstruktivistische Abhandlung und geht erst recht weit über eine lehrbuchartige, schulmeisterliche historisch-systematische Form der Wissensvermittlung hinaus. Es ist ein Nachdenken über die allgemeinen Voraussetzungen von Lesen und Schreiben, von Verstehen und Missverstehen, von Deutung, Missdeutung, Absicht und Wirkung. Es stellt letztlich die Frage nach den Entstehungsbedingungen von 'Inhalt'. Nicht zu vergessen ist nämlich die Tatsache, dass die rhetorische Textanalyse zu den etablierten Methoden der Literaturwissenschaft gehört. Dem Nachdenken über Rhetorik ist also die Frage nach der Wahrnehmung von 'Ganzheit' inhärent, also die Frage nach der Herstellung von Beziehungen zwischen unterschiedlichen Bedeutungsfeldern, die gemeinhin in die Vorstellung eines Textes als einer in sich abgeschlossenen Einheit von Sinnelementen mit einfliessen. Nicht zuletzt stellen sich mit dem Begriff der 'Rhetorik' also auch Fragen nach der Entstehung und Anwendung von literaturwissenschaftlichen Kategorien, die mit der Vorstellung einer 'Sinnganzheit' einhergehen wie etwa 'Text', 'Werk', 'Wort', 'Bedeutung', von derjenigen des 'Autors' ganz zu schweigen. Der Tatsache, dass Wolfram Groddeck sich literarischer Textbeispiele annimmt, die Fragment geblieben -also 'unvollendet'- sind, scheint vor diesem Hintergrund eher eine programmatische Haltung denn eine redaktionelle Notwendigkeit eingeschrieben zu sein.

Das Vorhandensein von Sinn geht mit einer Vorstellung von 'Wahrheit' als einer in sich abgeschlossenen Sinnganzheit einher. Angesichts der Rhetorizität von Sprache spaltet sich die Vorstellung einer singulären Wahrheit in ein Plural von 'Wahrheiten' -"Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind" (Nietzsche in: Reden über Rhetorik, S. 12)- auf und erklärt nunmehr die herkömmliche Aufspaltung der Sprache in eine 'Oberfläche' und eine 'Tiefe', die es zu ergründen gäbe, für ungültig. Friedrich Nietzsche brachte diese Vermischung von Form und Inhalt im Satz "Alles, was tief ist, liebt die Maske" (Jenseits von Gut und Böse, 40) auf den Punkt. Die im Untertitel von Groddecks Buch explizierte "Stilistik des Lesens" 'stilisiert' die Sprache zu einem Ort, an dem sich alt hergebrachte kulturhistorische Gegensätze aufheben, etwa derjenige zwischen Äusserlichkeit und Innerlichkeit und der damit verbundenen Vorstellung einer manifesten Weltschöpfung, die 'in sich' ein nicht fassbares (göttliches?) Geheimnis beherberge, das es fortan zu lüften gelte.

Dass es 'Reden über Rhetorik' allerdings nicht um die Errichtung eines Gedankengebäudes geht, welches mit herkömmlichen -auch wissenschaftlichen- Konzepten von Sprache und Rhetorik aufräumen soll, zeigt die Anlage des Buches, Textfragmente und Gedichte in den -in Falle des Autors rhetorisch sehr genau geschulten- Blick zu nehmen. Auch da entzieht sich das Buch dem Anspruch des Lehrhaften, Besserwisserischen und vermeidet es, die literarischen Texte vermittels einer wissenschaftlichen Begrifflichkeit semantisch zu vereindeutigen.

"Jede beim Wort genommene Metapher führt in das Paradox einer ursprünglichen Uneigentlichkeit zurück." (Reden über Rhetorik, S. 265).

Groddecks Lektüren der Rhetorik-Klassiker (Quintilian, Tertullian, Longinos, Platon, Aristoteles, usw.) sowie der "Paulinchen"-Geschichte aus dem "Struwwelpeter", von Kleist-, Hölderlin-, Goethe- und Heine-Gedichten dokumentieren und überprüfen nicht nur Geschichte und System der Rhetorik, sie sind eine Reise in den Ursprung von Bedeutsamkeit aus der Lust an der Sprache und der Erfahrung des Lesens.

Sandra Carrasco,
Basel


Eine Rezension von Ein Kunde
vom 24. Juli 2010
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